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Die heute beschaulich wirkende
Stadt Görlitz hat wirtschaftlich gesehen schon wesentlich bessere
Zeiten erlebt. Der Handel mit Tuchen ließ die Ansiedlung am
Steilufer der Neiße im 15. Jahrhundert schnell wachsen. Wichtige
Handelswege nach Schlesien kreuzten damals die Stadt. Es entstanden
prachtvolle Bürgerhäuser im Renaissancestil. Am Unter- und Obermarkt
erstrahlen heute diese wertvollen Bauten wieder in altem Glanz.
Seit der Bewerbung für die Ausrichtung der Kulturstadt im Jahr
2010 stehen Themen wie Stadtsanierung und Denkmalpflege bei
den Görlitzer Stadtverantwortlichen und Bewohnern hoch im Kurs.
Mit dem polnischen Nachbarn Zgorzelec, nur einen Steinwurf entfernt
auf der anderen Uferseite der Neiße, probt man schon seit Jahren
die europäische Annäherung. Bildungsarbeit und Tourismus haben
die Grenzen der geteilten Stadt längst überwunden.

Die Ursprünge der Doppel-Stadt liegen auf Görlitzer Seite und
sind heute noch durch die in Größe und Gestalt erhaltenen mittelalterlichen
Stadtplätze mit ihren so typischen Hallenhäusern erlebbar. Um
sie herum legt sich die ehemalige Wallanlage, die nach hergebrachtem
Muster als Grüngürtel den geschliffenen Festungsbereich markiert.
Daran schließen die Stadterweiterungen an. Die einstmals prosperierenden
Gründerzeitviertel, die sich bis zum Bahnhof im Süden der Stadt
erstrecken, bieten heute allerdings einen eher tristen Anblick.

Der Marienplatz bildet einen spürbaren Schnittpunkt zwischen
der gründerzeitlichen Erweiterung und dem historischen Zentrum.
Hier prallen verschiedene Bauepochen aufeinander. Der Frauenturm
- von den Görlitzern auch "Dicker Turm" genannt, ist ein Überbleibsel
der Festungswerke. Umstanden wird der Platz von mächtigen Bürgerhäusern
der Jahrhundertwende. Das Areal schließt nach Süden mit dem
imposanten Bau des 1912/13 in der Formensprache des Berliner
Kaufhauses Wertheim erbauten Gebäudes ab. Mit dem riesigen inneren
Lichthof zieht es nach wie vor Kaufbegeisterte und Architekturinteressierte
gleichermaßen an. Auf dem Marienplatz wurde um 1900 ein Löschteich
errichtet, der den Großteil der Fläche einnahm. Der Platz fristete
sein Dasein in den zurückliegenden Jahren als umzäunte Brache.

Der Dresdner Landschaftsarchitekt Till Rehwaldt wurde mit seinem
Team nach einem Wettbewerb im Jahre 2000 unter drei geladenen
Büros mit der Neuanlage des Marienplatzes beauftragt. Das Entwurfsteam
schlug eine Gestaltung vor, die auf die baulichen Zeitschichten
eingeht, sie miteinander verbindet und gleichzeitig die Modernität
des neuen Stadtbausteines hervorhebt. Drei Bereiche gliedern
heute die Fläche. Während der freistehende Turm im Norden Anziehungskraft
ausübt, wirkt die zurückhaltende Granitoberfläche des Belages
beruhigend funktional. Der Einsatz der rechteckigen Werksteine
hat sich, gleichwohl banal, hier wie andernorts bewährt. Ein
Baumdach, gebildet aus einer Doppelreihe geschnittene Linden,
trennt den schattigen und ruhigen Platz vom geschäftige Treiben
der naheliegenden Shopping-Zone. Spielerisch verteilt, bieten
zahlreiche Bänke an den Rändern die Möglichkeit zum Sitzen.
Witziges Detail der von zwei Seiten benutzbaren Möblierung -
die Rückenlehnen sind kippbar, so dass man je nach Gusto auf
den Platz oder die Straße blicken kann. Das schicke Sitzmöbel,
das vom Büro Rehwaldt schon zur Zittauer Landesgartenschau mit
Betonsockel präsentiert wurde, zeigt sich in Görlitz in abgewandelter
Form mit einer dunkel gestrichenen Stahlkonstruktion. Die Sitz-
und Lehnflächen sind mit Holz belegt.

Von dieser Position aus lässt sich das Herzstück des Platzes
beobachten: das schmale Wasserbecken. Es durchschneidet die
Freifläche und erinnert an den historischen Stadtgraben, der
die Bewohner einst vor ungeliebten Eindringlingen schützte.
Heute macht es allen Passanten - egal welchen Alters - Spaß,
die Füße in das kühle Nass zu tauchen. Die Granitquader, die
wie Felsen in einem Bach liegen, verführen einige zum akrobatischen
Überqueren des Wasserlaufes. Andere erfreuen sich einfach nur
an den sprudelnden Fontänen, deren Wasserstrahlen die riesigen
Lausitzer Granitsteine glänzend dunkel färben. Ein Wermutstropfen:
Die Fontänen sprudeln im Sparmodus. Zwei Programme, die ursprünglich
parallel zum Einsatz kommen sollten, werden nun nacheinander
abgespielt.

Die bereits im Jahr 2002 fertiggestellte Platzgestaltung, gefördert
durch die Allianz Umweltstiftung, erhielt neben dem breiten
Zuspruch in der Bevölkerung auch fachliche Anerkennung. Für
die gelungene Gesamtkonzeption des Marienplatzes in Görlitz
nahmen Vertreter der Stadtverwaltung zusammen mit dem Landschaftsarchitekten
Till Rehwaldt die im Rahmen der Internationalen Gartenbau-Ausstellung
(IGA) in Rostock vergebene Würdigung des Deutschen Landschaftsarchitektur-Preises
2003 entgegen.


Fläche: ca.0,5 ha
Bausumme: ca. 0,8 Mio. €
Bauherr: Stadtverwaltung Görlitz
Wettbewerb: 2000
Fertigstellung: 2002
Förderung: Allianz-Stiftung, München
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